• Home • Im Focus • Lifestyle • Gesundheit • Essen & Trinken • Gewichtsverlust • Messlatte Evolution • Inhaltsverzeichnis • Suchen •

"Betrug am Zuschauer"

 

 

 

 

 

Home
Im Focus
Lifestyle
Gesundheit
Essen & Trinken
Gewichtsverlust
Messlatte Evolution
Inhaltsverzeichnis
Suchen

 

Originaltext: "Spiegel" 33/2000

„Betrug am Zuschauer"

In der ZDF-Ratgeber-Sendung „Gesundheit" werden immer wieder Präparate und Verfahren gerühmt – manche sind dubios. Auf Umwegen profitiert der Sender von Zahlungen der Hersteller.

Leutselig strahlt Evelyn Künnecke in die Kamera. Fürchterliche Depressionen habe sie gehabt, erzählt die besonders bei Älteren bekannte Sängerin – bis ihr schließlich ein „Wundermittel" geholfen habe: Seit sie „Wobenzym" nehme, „geht es mir bedeutend besser". Verflogen seien die Depressionen, sie fühle sich nun „erstens wohler und zweitens, würde ich sogar sagen, tatkräftiger". Der Moderator nickt wohlwollend: Enzyme „können Alterungsprozesse aufhalten", stimmt er in das Loblied ein, „und leisten auch bei schweren Krankheitsbildern gute Dienste".

So geht es immer wieder von Montag bis Donnerstag um 11.35 Uhr im ZDF zu, wenn Fernsehdoktor Günter Gerhardt, 53, ausgerüstet mit Fliege, Weste und gewinnendem Lächeln, zur TV-Sprechstunde lädt. Der Allgemeinmediziner kennt aus seiner Praxis die Leiden des Alltags, von Venenbeschwerden bis zum Fußpilz. Seit vier Jahren berichtet er im ZDF darüber.

Das Prinzip der Sendung: Neben Informationen über Krankheiten und allgemeinen Gesundheitstipps steht ein Experte von außerhalb im Mittelpunkt. Der lobt unter Gerhardts Aufsicht eine Heilmethode und hat meist einen froh gelaunten Patienten im Schlepptau, dem just diese geholfen hat. Was der Zuschauer nicht ahnt: Auch die Pharmaindustrie freut sich über manche Sendung – so sehr, dass sie sich den Spaß anständige Summen kosten lässt, von denen auf Umwegen auch der Sender in Mainz profitiert. Pikant ist zudem, dass manche der oft teuren Präparate oder Therapien wissenschaftlich nicht anerkannt sind, ihre Wirksamkeit höchst umstritten ist.

Aus einer internen Liste des ZDF geht hervor, dass viele Pharmafirmen, die sich für ihre Produkte oder Heilmethoden von Gerhardts Sendung etwas versprechen, mehrere zehntausend Mark zahlen. Ein Unternehmen, das Asthma-Mittel herstellt, war laut Liste als „Kooperationspartner" zum Thema eingeplant, ein Hersteller von Hormonpräparaten unterstützte eine Sendung zu den Wechseljahren. Die Liste vom 13. August 1998 sei nur „eine produktionsinterne Planskizze", so Joachim Mahrholdt – heute, aber noch nicht zu jener Zeit zuständiger ZDF-Redaktionsleiter: „Sie hat keinen endgültigen Charakter." Im Übrigen seien Kooperationen unentgeltlich fachliche Beistellungen von Informationen oder Gerätschaften. Seltsam, in der ZDF Liste gibt es auch eine Spalte mit der Rubrik „Kooperationssumme brutto" – und die enthält immer wieder schöne Beträge.

Die Firmen erwarben mit ihren Zahlungen über einen Mittler etwa die so genannten nichtkommerziellen Zweitverwertungsrecht an den Sendungen – als etwa Videomitschnitte für den Eigengebrauch. Erstaunlich aber, dass sie vorab auf der Liste auftauchten und dann viel Geld für Bänder hinlegten, die firmenintern etwa Vertretern gezeigt werden. „Einnahmen aus der Veräußerung von Rechten kommen auf den vorgeschriebenen Wege dem allgemeinen ZDF-Haushalt zugute, verteidigt Mahrholdt seine Redaktion. „Das ist ein normaler Vorgang im Rahmen der Zweitverwertung."

Die Deals wurden meist über die Fördergesellschaft des Deutschen Grünen Kreuzes (DGK) abgewickelt. Letzteres eine gemeinnützige Organisation zur Gesundheitsaufklärung. Manchmal zahlten Pharmafirmen ihren Obolus auch nicht für Zweitverwertung, sondern in der Form von Druckkostenzuschüssen an das Grüne Kreuz: für Broschüren, die zu ZDF-Sendungen herausgegeben werden.

Der redaktionelle Inhalt einzelner Sendungen sei von den Firmen nie beeinflusst worden, betonen Pharmaunternehmen und ZDF unisono. Aber das Grüne Kreuz kooperierte mit dem ZDF auch bei „redaktionellen" Aufgaben, so Hans von Stackelberg, geschäftsführender DGK-Vorstand. So vermittelte er dem ZDF Experten, die in Sendungen auftraten – gern auch von der Industrie empfohlene.

Was kompliziert klingt, ist in der Branche als Meinungssponsoring bekannt. Weil die Gesetze für Heilmittelwerbung strikt sind, greifen Hersteller gern auf so genannte Meinungsführer zurück, um die Werbetrommel zu rühren. „Redaktionell waren die Sachen zwar ordentlich verpackt, aber im Grunde war vieles reine Werbung", so ein ehemaliger ZDF-Redaktionsmitarbeiter.

Auch das DGK-Geschäftsgebaren legt nahe, dass der Zusammenhang zwischen Zahlung und Inhalt von Sendungen enger ist, als ZDF und Pharmafirmen glauben machen wollen.

So bekam Jürgen Hopf, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Brillenhersteller Rodenstock, ein unerwartetes Angebot per Telefon: „Ein Dr. von Stackelberg war am Apparat und fragte, ob ich in einer Sendung von „Gesundheit" zum Thema „Die Leichtigkeit des Sehens" Neuigkeiten von Rodenstock präsentieren wolle", erinnert sich Hopf. Als Gegenleistung, so der Rodenstock-Mann, sollten 30 000 Mark fließen. Er lehnte den Antrag ab. „Solch unlauterer Methoden bedienen wir uns nicht" Er ist verärgert: „Ich hätte nicht gedacht, dass man sich bei den Öffentlich-Rechtlichen einkaufen kann. Das ist Betrug am Zuschauer" Auf SPIEGEL- Anfrage teilte das ZDF mit, dass Hans von Stackelberg nicht im Auftrag des Senders tätig gewesen sei.

Von anderen Unternehmen erwartete die ZDF-Redaktion nach ihrer internen Planungsliste höhere Kooperationsbereitschaft. So ist die Firma Mucos in Geretsried bei München, nach eigenen Angaben weltweit führender Hersteller von Enzymkombinationspräparaten, als „Kooperationspartner" für eine so genannte „Enzymwoche" mit 120 000 Mark „Kooperationssumme" aufgeführt. Mucos bestreitet, gezahlt zu haben. Das ZDF machte trotzdem seinen Schnitt, auch ungefähr in der laut Liste eingeplanten Höhe: Die Mainzer verkauften die nicht gewerblichen Zweitverwertungsrechte an vier „Gesundheit"-Sendungen für 108 000 Mark an die Firma Corporate Health Factory /CHF).

Seltsam: Die Münchner Fernsehgesellschaft produziert selbst den größten Teil der „Gesundheit"-Sendungen, die gleichwohl unter redaktioneller Verantwortung des ZDF laufen. Die CHF gehört zu gleichen Teilen den Firmen Galileo Multimedia und MPS Medienproduktionen. Hinter der MPS verbirgt sich die Münchner Society-Frau Susanne Porsche, Ehefrau von Wolfgang Porsche, einem Spross der gleichnamigen Autodynastie. Sie ist auch CHF-Geschäftsführerin.

Aus reiner Begeisterung für das Thema sei die Enzymwoche zu Stande gekommen, behauptet Mucos-Sprecher Harald Rogler. Der Mann erzählt, er habe den Fernseharzt Gerhardt zufällig in Mainz getroffen und ihm das Thema vorgeschlagen. Da überrascht es dann wenig, dass die eingeladenen Fachleute allesamt die Wirksamkeit von Enzymen als Begleittherapie für Gefäßkrankheiten bis zum Nierenleiden hochlobten.

Die vermeintliche Therapie bewerten Schulmediziner, Wissenschaftler und Krankenkassen freilich anders. Das Mucos-Paradeprodukt Wobenzym steht auf der Negativliste der gesetzlichen Kassen.

Im Internet-Archiv der „Gesundheit" werden Enzympräparate bis heute unverdrossen weiter hochgejubelt: Überschriften versprechen: „Enzyme entreißen Krebszellen die „Maske"". Sie stellten die „tumorzerstörende Wirkung des Blutes wieder her". Ein Wirkungsmechanismus sei wissenschaftlich nicht zu erkennen, urteilt dagegen Krebsexperte Professor Horst Jung, Direktor des Instituts für Biophysik und Strahlenbiologie an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf. Enzyme als Krebstherapie zu verkaufen, das „grenzt an Sensationsmacherei". Es sei „unverantwortlich, diese Behandlung als Therapie gegen Krebs zu empfehlen", sagt auch der Onkologe und Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft Professor Peter Drings.

Als „Beitrag zur Aufklärung der breiten Öffentlichkeit zu Gesundheitsthemen" sieht die Nürnberger Heumann Parma ihren „Druckkostenzuschuss" für eine Broschüre zum Thema Schmerzen, die das Grüne Kreuz herausgibt. Im internen ZDF-Plan taucht Heumann als „Kooperationspartner" mit der „Kooperationssumme brutto" von 45 000 Mark auf. In einer ZDF-Sendung lernte die Öffentlichkeit viel Positives über magenschonende Schmerzmittel mit so genannter selektiver Hemmung der Prostaglandin-Synthese. Heumann stellt just diese Arzneien her, die in der „Ärztezeitung" wegen ihrer geringen Nebenwirkungen gelobt werden.

Der Schweizer Roche-Konzern zahlte rund 35 000 Mark. Die Firma, die den wegen der hohen Kosten und möglicher Nebenwirkungen umstrittenen Fettblocker Xenical herstellt, erwarb die nichtkommerziellen Zweitverwertungsrechte für Sendungen übers Abnehmen – laut Stellungnahme gekauft zur „Schulung für Mitarbeiter". Obendrein gab sie einen Zuschuss zum Druck einer Broschüre.

Die Firma Sebapharma, laut ZDF-Liste als „Kooperationspartner" mit 18 000 Mark eingeplant, dürfte sich über die Sendung vom 14. Dezember 1998 gefreut haben, in der eine Expertin von Seife abriet und ein hautfreundliches Waschmittel zu benutzen empfahl. So ein Produkt ist Sebamed, Umsatzrenner von Sebapharma. Verwechslungen wurden ausgeschlossen – die charakteristische Flasche war kurz zu sehen.

Mainzeldoktor Gerhardt bewegt sich in einem juristischen Minenfeld: So ist Publikumswerbung für verschreibungspflichtige Medikamente nach dem Heilmittelwerbegesetz weitgehend untersagt. Der Rundfunkstaatsvertrag verbietet Schleichwerbung. „Beeinflussung des redaktionellen Programminhalts ist verboten", sagt zudem Wolfgang Schulz, Rechtsexperte am Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung.

Soweit die Theorie. In der Medien-Wirklichkeit sind verdeckte Zahlungen für PR-Beiträge nicht Neues. „Auf Messen ist es normal, dass Produktionsfirmen für private Fernsehsender kommen und Zahlungen fordern", klagt Rodenstock-Mann Hopf.

Größer sei der Anspruch an die öffentlich-rechtlichen Sender, sagt Hubertus Gersdorf, Professor für Kommunikationsrecht an der Universität Rostock: „Sie finanzieren sich hauptsächlich durch Gebühren und sollen ja gerade deswegen nicht der Kommerzialisierung unterworfen sein und ein unabhängiges Programm produzieren."

Beim ZDF-Magazin „Gesundheit" gibt es vor lauter Parteilichkeit schon mal Ärger, weil man es schließlich schwer allen recht machen kann. Nach Angaben der Firma Pharmaton in Biberach an der Riß, die Ginseng-Präparate herstellt, warnte der Geschäftsleiter das ZDF vor Falschaussagen in einer geplanten Sendung zum Thema Ginseng – von der er Wind bekommen hatte. „Das war versteckte Werbung für ein Konkurrenzpräparat", so eine Firmensprecherin. Die Sendung wurde – laut ZDF aus redaktionellen Gründen – nicht ausgestrahlt.

Cordula Meyer

Zurück

Copyright © 2001.
Alle Rechte vorbehalten.
Stand: 19. Februar 2008
Impressum

• Home • Im Focus • Lifestyle • Gesundheit • Essen & Trinken • Gewichtsverlust • Messlatte Evolution • Inhaltsverzeichnis • Suchen •

Sämtliche Links sind ausser Haftung! Hiermit distanzieren wir uns ausdrücklich von allen Inhalten die in Seiten zu finden sind, die auf dieser Homepage gelinkt werden
und machen uns diese Inhalte nicht zu eigen. Diese Erklärung gilt für alle auf dieser Homepage angebrachten Links